Gedanken und Erlebnisse eines Rathloser Schützenbruders !
(Vor, während und nach dem Schützenfest)
Wie die Zeit vergeht! Schon wieder ist 1. Mai und das Königsschießen steht vor der Tür. Endlich mal wieder Zeit, sich zu besaufen, ohne von seiner "Alten mit Argusaugen bewacht zu werden. Einer muß schließlich füttern und melken. Na ja ...
Also wird die verstaubte Uniform vom Boden geholt und auf geht's zum Schießstand. Jeder versucht, schon vorm Startschuß zum Königsschießen dazusein, um sich den besten Platz an der Theke zu sichern. Dann, wenn Präsident und Schießwart die Büchsen bereitlegen, wird es plötzlich ganz lichte im Schießstand. Jeder versucht, die verstecktesten Nischen, die entlegensten Winkel zu finden, um nur nicht schießen zu müssen. Und doch gibt es immer wieder weiche, die erwischt werden und bei der Proklamation als König dastehen. Was nach der Proklamation passiert, ist aufgrund des hohen Alkoholkonsums nicht mehr festzustellen.
Das nächste was ich weiß, ist wie meine "Ulsche" mich rüttelt und schüttelt und irgendwas von Kühen und melken labert. Wenn ich dann etwas erwidern will, liegt sie schon wieder neben mir, schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und faselt was von Alkoholvergiftung. Und das nur, weil ich sie kurz angehaucht habe. Wenn sie sich erholt hat, mir Kaugummis, Bonschen und eine neue Tube Zahnpasta hingestellt hat, fängt sie an zu füttern und ich schlaf erstmal aus. Denn nun beginnt die hektischte Zeit im Jahr:
Vorbereitung auf´s Schützenfest.
Erstmal wird die ganze Ausrüstung zusammengesucht. Die Unterwäsche wird schon hingelegt, die Socken geflickt, die Schuhe gewienert, das Hemd gewaschen und gebügelt und aus der Uniform die letzten Bierflecke geschrubbt. Und irgendwo muß auch noch dieser Hut sein. Und schließlich findet man ihn hinter Omas Häkelgarn.
Zum Putzer muß ich auch noch. Man will beim Schützenfest ja auch einen ordentlichen Eindruck machen. Wenn ich mich nicht so benehmen kann, dann will ich wenigstens so aussehen. Beim Putzer treffe ich dann Rohden Henry, Rabben Heiner, Diers Wilfried und Niemeyer's Heini. Die hatten wohl den gleichen Gedanken.
Schließlich ist es soweit! Der Tag auf den man sich monatelang vorbereitet hat, bei Bensemann's inner Kittelbude: Schützenfest. Es beginnt mit dem Königsfrühstück. Und man erkennt sofort, wer hart ist oder nicht. Die Harten, umgeben von einem Hauch Jonny Walker, konnten ihre unvergleichlichen Spuren der Rathloser Zeltfete (siehe Stempel und dunkle Augenringe) nicht kaschieren. Wenn die Hühnersuppe dann serviert wird, fällt man fast vom Stuhl. Man träumt vom kalten Bier, vom kühlen Whiskey und man bekommt diese heiße Hühnersuppe vorgesetzt.
Lecker!!!
Das Königsfrühstück bekommt man auch so über die Runden. Vom Einschlafen abgehalten, von den strahlenden Präsidenten, die sich mit ihren schlagfertigen und witzigen Reden übertreffen wollen. Wenn schließlich auch das letzte Gröhlen und Lachen verstummt ist, nutzt der Kommandeur die einmalige Gelegenheit, einmal im Jahr etwas sagen zu dürfen und befiehlt zum Aufbruch.
Alle Nackenhaare sträuben sich zu Berge bei diesem markerschütternden Schrei. Und jeder Zweifel ist beseitigt. Antreten!
Nach den qualvollen Strapazen des 100 m Marsches, bleibt einem nur noch die Vorfreude auf den kühlen Gerstensaft um auch noch die Ehrentänze zu überstehen. Wenn man dann endlich an der Theke steht, schenkt man noch einen kurzen Gedanken an seine fuchsteufelswilde Göttergattin, wenn man morgen früh nach hause kommt. Und dann heißt es nur noch: "Kopp in'Nacken!" Wenn man dann am nächsten Morgen endlich zu Hause eintrudelt, steht die Alte schon mit Teppichklopfer inner Hand blutrünstig auffer Diele. Um weiteren Folterungen zu entgehen, schwört man Besserung und so läßt sie von einem los. Ich wackel nach oben, versuch mich - allerdings vergebens - auszuziehen und falle ins Bett. Am Morgen des Samstags ist wieder Hektik angesagt. Zweiter Schützenfesttag. Es wird wieder alles zusammengesucht und auch die letzten Spiegeleierflecken aus dem ehemals weißen Hemd entfernt.
Um 14°° Uhr trottet man dann voller Elan zum Kühlhaus, zum Antreten. Noch in Trance stellt man sich, mehr oder weniger - meist weniger - in Reih und Glied auf. Wenn dann der Spielmannzug die ersten Takte vom Wesermarsch anklingen läßt, sucht man vergebens nach dem Lautstärkeregler. Doch fast alles ist zu ertragen, beim Gedanken ans Bier und einer Aspirin auf der Zunge.
Beim König wird dann schon etwas vorgeglüht. Mit der Standard-Auswahl Herforder, Kurze, Waffeln, Sunkist und Eis und irgendwann nach kilometerlangem Gehen kommt man endlich beim Festplatz an. Schweißgebadet und schwer atmend. Nach den Ehrentänzen wird man gleich von seiner "Ulschen" herausgepickt und mit an die Kaffeetafel gezerrt. Butterkuchen und Erdbeertorte. Dann endlich um halb fünf muß ich sie gehen lassen. Die Kühe warten. Nachdem ich ihr hoch und heilig versprochen habe, noch heute nach Haus zu kommen, zieht sie beruhigt von dannen. Und wenn alle Weiber weg sind, werden Jacke und Hut inne Ecke geschmissen. Dann heißt es nur noch "auf zur Theke". Dort treffen sich alle wieder zum erneuten Kampftrinken. Und von da an fällt der Vorhang. Man kommt erst wieder nach fünf Tagen zu sich. Diese Zeit des Komas ersetzt in Rathlosen den Winterschlaf. Die Alte hat's sowieso aufgegeben, mich zu erziehen. Und nun muß man erstmal wieder alles zusammensuchen. Das Fahrrad aussem Graben ziehen, die Uniform von Müller's Gunther und den Hut von Hannekum´s Fritz holen. Die Schuhe finden sich auch noch zwischen Bauernwald und Ministerstraße an.
Tja, und nun beginnt wieder der Alltag. Das süße Leben ist vorbei. Der alte Trott fängt wieder an. Die "Ulsche" hat wieder die Hosen und ich die Gummistiefel an.
Aber in einem Jahr ist es wieder soweit ! Ein Jahr und dann heißt es wieder.
Schützenfesttime